BILDUNG: Der Mensch ist mündig, wenn ihm die Möglichkeit geboten wird, sich chancengleich aus- und weiterzubilden. Nur eine Gesellschaft, die das ermöglicht, ist auch eine gerechte und fortschrittliche Gesellschaft.
Chancengleichheit
Wir sind nicht alle gleich auf dieser Erde. Es gibt unter uns Menschen, die intelligenter sind, weniger intelligent, schöner, weniger schön, williger, tüchtiger, weniger tüchtig, unternehmensfreudiger, stärker, gesünder, lustiger, trauriger, je nach Veranlagung und Gegebenheiten und vieles andere mehr. So kommt es, dass der eine es weiter bringt als der andere, im beruflichen Leben weiter nach oben kommt, mehr verdient, sich mehr leisten kann. Und so weiter.
Das wird in einer Gesellschaft, die nicht, wie die kommunistische, alle und alles gleich macht, zur Kenntnis genommen.
Aber eines ist unerlässlich und gehört zu Menschenwürde und Menschenfreiheit: Alle Menschen müssen dieselben Chancen bekommen, um sich in ihrem Leben und ihrer Umgebung, in die sie hinein geboren sind, verwirklichen zu können. Mit anderen Worten: Es muss für alle Chancengleichheit ermöglicht werden.
Das soll nicht heißen - und heißt es auch nicht -, dass es alle gleich weit bringen können müssen, gleich viel Geld verdienen, gleich viel Ansehen, Reichtum, Bekanntheit, usw. erlangen. Denn das ist nicht möglich. Aber eines steht fest: Jeder Mensch muss die Chance haben, sich zu entfalten, wie er selbst es wünscht und will. Das beginnt von Kind auf. Jedes Kind muss die Chance haben, die geeignete Schule zu besuchen. Jeder Jugendliche, jeder Erwachsene muss innerhalb dieser Chancen wählen und entscheiden können. Nur dann ist die Gesellschaft wirklich frei und wirklich gerecht.
Diese Chancengleichheit ist seit jeher Gegenstand eines harten Kampfes, nicht nur der Geschlechter, sondern der einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft. Chancengleichzeit zwischen Mann und Frau ist heute noch, auch in Südtirol, viel diskutiert, aber es geht vorwärts, in Richtung einer Gesellschaft, in der Mann und Frau die gleichen Rechte in Anspruch nehmen und leben können.
Davon abgesehen, ist die Chance auf Bildung ganz besonders wichtig. Wirtschaftliche Nachteile oder Vorurteile in einer Neidgesellschaft, Kastendenken und ähnliches dürfen keinem Jugendlichen den Weg in seine berufliche und menschliche Selbstverwirklichung verbauen.
Ich kann aus meiner langen Erfahrung sagen, dass die Chancengleichheit in Südtirol, sowohl zwischen den Geschlechtern (durch viel Einsatz der Frauen, aber auch Verständnis der Männer) als auch was den Zugang zur Bildung betrifft, in den Jahrzehnten, seit Südtirol seine Autonomie hat, gewachsen ist. Jeder Arbeiter in Südtirol, jedes Arbeiterkind hat den gleichen Zugang zu den Bildungsinstitutionen. Dafür haben auch die Gewerkschaften - und ich an der Spitze des ASGB - immer gekämpft. Mit Erfolg. Vieles kann man der Südtiroler Gesellschaft nachsagen, nicht aber, dass sie sich zu wenig für Chancengleichheit einsetzt, auch wenn es ein ständiger Kampf war und ist. Denn das Wertvolle kommt und bleibt nie von selbst, es braucht ständiges Bemühen.

